Wenn Sie Angebote guter Fotografen sich genauer ansehen und vergleichen würden, werden Sie in den meisten Paketen den Punkt „Nachbearbeitung der Bilder“ (oder ähnliches) finden. Dieser „unscheinbare“ und vielleicht für viele am schwierigsten nachvollziehbare Posten spielt bei den Endergebnissen die Sie bekommen eine erhebliche Rolle. Es beeinflusst auch die Kostenkalkulation denn es normalerweise mehr Zeit in Anspruch nimmt, als die Fotografie selbst und dazu noch eine hohe Qualifikation erfordert.
Sollen denn bei einem „guten“ Fotografen nicht schon gleich aus der Kamera gute Bilder rauskommen? Die Frage ist, natürlich, heikel. Die Diskussionen habe ich auch mit einigen meiner Kollegen geführt, die behauptet haben, dass wenn man „richtig“ fotografiert, man keine weitere Bearbeitung benötigt. Ein Blick auf die jeweiligen Portfolios hat mich jedoch davon meistens nicht überzeugen können. Diplomatischer kann man sagen, es ist die Frage des jeweiligen Stils.
Als erstes sollte man sich die Gedanken machen, was man als „gute Bilder“ empfindet. Es mag sein, dass im Bereich des puren dokumentarischen Journalismus jegliche Art der nachträglichen Bildmanipulation verpönt oder gar unzulässig ist. Die meisten Bilder, von denen wir in unserer modernen Welt umgeben sind, Bilder, die unseren Ideal von Schönheit prägen sind jedoch in einer oder anderen Weise bearbeitet und wir nehmen es auch in Kauf.
Ich habe einige Male Fotos für Kosmetikfirmen retuschiert. In diesem Bereich ist es nicht selten, dass die Bearbeitung eines einzelnen Motivs viele Stunden, sogar ein paar Tage dauern kann. Natürlich arbeitet kein auch so guter Hochzeitsfotograf so lange an einem einzelnen Motiv, das erwartet auch keiner. Wenn also in einem Angebot von mehreren hunderten „bearbeiteten“ Fotos die Rede ist – was kann man dann erwarten?
Jeder Fotograf hat seinen eigenen Workflow – dieser wird unter anderem auch durch den jeweiligen Stil geprägt und umgekehrt. Die meisten Profis fotografieren heute auf das RAW-Format. Es ist mit einem digitalen Negativ vergleichbar: in diesem Format werden die Daten des Kamerasensors ohne weitere Verarbeitung (wie es bei den von der Kamera gelieferten JPGs der Fall ist) gespeichert. Solche Dateien müssen mithilfe spezieller Software „digital entwickelt“ werden. Diese Vorgehensweise erlaubt die größte Flexibilität bei der anschließenden Bearbeitung der Bilder und gewährleistet letztendlich auch höhere Qualität der Endergebnisse. Dieser Prozess ist der analogen Fotografie sehr ähnlich, denn auch immer schon konnte der Fotograf durch die Wahl des Entwicklungsprozesses, der Film und Papiereigenschaften die Bilder wesentlich beeinflussen. Bei der digitalen Fotografie sind diese Einflussmöglichkeiten jedoch wesentlich größer und auch bequemer.
Im Prinzip können die RAW-Dateien mit entsprechenden Einstellungen mehr oder weniger automatisch entwickelt werden. Dabei können, wenn notwendig, Belichtungs-, Farb- und Kontrastkorrektur vorgenommen werden und der Fotograf würde nicht lügen, wenn er auf diese Weise verarbeitete Bilder als „bearbeitet“ bezeichnen würde. Besser, aber deutlich zeitaufwändiger ist es, natürlich, die Bilder einzeln zu entwickeln, denn die Automatik kann sich auch irren: z. B. das bewusste Über- oder Unterbelichten der Bilder ist auch ein starkes Ausdrucksmittel. Durch die Bewusste Veränderung der Kontraste und Farben kann man auch eine gewünschte Stimmung unterstreichen.
Retusche ist auch ein Teil des Postproduction-Prozesses. Ob eine Reportage oder Portraits – die meisten Hochzeitspaare erwarten schöne Fotos. Die häufigste Anforderung, die ich höre ist jedoch „natürliche Fotos“ – in diesem Zusammenhang kann die Retusche auch negative Assoziationen haben.
Die gute Retusche ist die, die einem nicht auf Anhieb auffällt und die abgebildete Person nicht verfremdet. Wenn ein paar „Charakterfalten“, ein Muttermal oder eine Narbe zu einer Persönlichkeit gehören – dann sollen sie auf dem Foto bleiben. Aber bei aller Natürlichkeit würden die meisten einen Pickel auf dem Stirn, der ausgerechnet am Hochzeitstag aufgetaucht ist weg haben wollen. Eine Braut hat sich viele Sorgen gemacht, weil ihr Bräutigam eine Woche vor der Hochzeit an dem Arm gekniffen hat (das sagte sie zumindest) – sie hatte einen blauen Fleck. So was finde ich eher lustig, aber sie wollte sich nicht unbedingt daran erinnern – und der Fleck musste auf über hundert Fotos weg.
Viele Leute sind am Hochzeitstag wenig ausgeschlafen und nervös – dann wird man schnell rot, hat Schweißperlen auf dem Stirn und dunkle Augenringe. Als knallharter Reportagefotograf möchte man vielleicht genau das festhalten, vielleicht lässt sich mit einem solchen Foto auch der eine oder andere Preis gewinnen, aber in den meisten Fällen würde ich auf den Fotos, die ich dem Brautpaar gebe, diese Erscheinungen dezent absoften – und das Brautpaar freut sich, wie schön sie auf dem Hochzeitstag aussahen und hat auch schöne Erinnerungen – dafür macht man doch Hochzeitsfotos, oder?
Farbmanipulationen sind auch ein starkes Ausdrucksmittel. Dazu gehört auch die schwarz/weiß-Konvertierung. Digitale s/w-Fotos sind immer manipuliert, denn das digitale Foto ist ursprünglich immer farbig. Die wenigsten Laien ahnen es, aber die s/w-Konvertierung ist eine Wissenschaft an sich. Die schönen s/w Fotos von früher hatten immer einen bestimmten Ton, abhängig vom Papier, kalt oder warm. Bestimmten Farben können abhängig vom Verfahren unterschiedliche Töne zugewiesen werden – so werden z. B. der Himmel oder die Hauttöne dunkel oder hell, abhängig von der gewünschten Stimmung. Schwarz/Weiß-Fotos empfinden viele heute als etwas Besonderes, Edles. Für mich machen s/w Fotos am meisten Sinn, wenn Sie auf dem Papier sind – in einem Hochzeitsalbum können sie besonders edel wirken. Letztendlich ist die Entscheidung, ob schwarz/weiß oder farbig häufig eine Geschmacksfrage und darüber streitet man sich bekanntlich nicht!
Insbesondere bei der Gestaltung der Hochzeitsalben oder Erstellung hochwertiger Fine-Art-Prints ist noch ein weiterer Bearbeitungsschritt möglich, nämlich eine künstlerische Stilisierung: Hierbei können z. B. die Farben bewusst verfremdet werden, Motive mit Texturen hinterlegt werden, Mehrere Bilder übereinander gelegt usw. Selbst wenn solche Bilder auf der Galerie des Fotografen ausgestellt werden, müssen Sie nachfragen, ob solche Bearbeitung bei dem von Ihnen gebuchten Paket tatsächlich inklusive ist.
Fazit: ob und wie die Aufnahmen bearbeitet werden hängt von der Arbeitsweise und Stil des jeweiligen Fotografen. Wenn Ihnen die im Portfolio ausgestellten Fotos gefallen, fragen Sie bei der Buchung nach, wie viele Fotos in gleicher Bearbeitungsqualität Sie bei dem Angebot ohne Aufpreis erwarten können. Wenn Ihnen makellose Portraits besonders wichtig sind, fragen Sie den Fotografen, ob und wie er die Portraits retuschiert. Lassen Sie sich verschiedene Beispiele zeigen, anhand dessen Sie gemeinsam mit dem Fotografen bestimmen können inwieweit bzw. wie stark die Bilder retuschiert werden sollten.
Dipl.-Des. Kirill Brusilovsky
www.unvergessliche-augenblicke.com
Fachlich sehr fundierter Artikel, der auch in der Einschätzung der Nachbearbeitung sehr ausgewogen ist.
Danke!